TWIKE

1. November 2014

TWIKE-Erfahrungsbericht

Geschichte

Das TWIKE verfolgt mich schon seit 23 Jahren - also seit einer Zeit, als es noch keine Serientwikes gab. Bei der Heureka in Zürich im Jahr 1991 konnte ich mit einem Studienkollegen den TWIKE-Simulator ausprobieren.
Später sind mir immer wieder einmal TWIKEs begegnet. Nach jeder Sichtung träumte ich wieder vor dem Computer von einem TWIKE, welches leider einfach unerschwinglich war.
Vor ca. 5 Jahren hat mich sogar meine Frau zu einer TWIKE-Probefahrt begleitet.
Bei der Pioneer-Aktion im April 2014 haben wir jetzt endgültig zugeschlagen. Knapp Fünfeinhalbtausend Euro Nachlass - ein besseres Angebot gab es bisher nicht.
Seit zwei Monaten wird das TWIKE jetzt bei uns gefahren: zur Arbeit, zur Musikschule oder in der Freizeit - alleine, mit der Frau oder mit den Kindern.



Hürden auf dem Weg zum TWIKE

Gleich nach dem Entschluss, ein TWIKE zu kaufen stieß ich auf die erste Hürde: Der Vertrieb ist bei weitem nicht so professionell, wie bei herkömmlichen Automarken. Es brauchte geschlagene 30 Tage vom (versuchten) Erstkontakt bis zum Kaufvertrag.
Mit der Wartezeit geht es allen Autokäufern gleich, die dauert fast immer zu lange. Spannend blieb es auch, wann das COC-Dokument für die EU-weite Zulassung endgültig fertiggestellt sein würde. Das TWIKE wäre am 8.8. fertig gewesen, das COC erreichte mich erst Anfang September.
Für die Zulassung waren ein paar Amtswege nötig:

Ersteindruck

Das TWIKE verzichtet auf allen Luxus zugunsten maximaler Energieeffizienz.
Das Eigengewicht liegt bei 220kg plus Akkus, in meinem Fall 78kg - Leergewicht daher ca. 300kg.
Die Sitze haben wie beim Liegerad eine recht kurze Sitzfläche, sind aber angenehm geformt. Ich habe mit 190cm auch zum Treten noch Platz, nur die Erreichbarkeit der Schalter am linken Handgriff ist durch die Enge bei meiner Größe nicht ganz optimal.
Die Bedienung ist intuitiv und einfach - man bekommt auch eine ausführliche Einschulung - allerdings braucht es doch einige (hundert) Kilometer, bis man wirklich sicher fühlt. Zu Beginn hatte ich immer eine gewisse Furcht, dass das Dreirad umkippen könnte. Bei hohen Geschwindigkeiten, bei Spurrillen und bei (Seiten-)Wind ist man schon beschäftigt, die Spur zu halten.
Autofahrer herkömmlicher Modelle nehmen das TWIKE nicht ganz ernst. Eine defensive Fahrweise kommt der eigenen Sicherheit zugute. Vermutlich weil ich auf der Freilandstraße nur mit 80km/h unterwegs war, wurde ich dann im anschließenden Ortsgebiet bei gut 50 km/h überholt - ein Fahrrad muss schließlich überholt werden. Man kann das allerdings auch zum Energiesparen nützen und wie ein Mopedauto ganz rechts gemütlich daherschleichen - bei nur 120cm Breite hat da immer noch ein PKW Platz.
Die Leistung reicht, um im Alltag problemlos mitzuhalten. Erst wenn die Geschwindigkeiten schneller werden, vermisst man einen stärkeren Antrieb. Auch steilere Anstiege führen zu deutlich reduziertem Tempo. Das braucht dann etwas mehr Geduld.
Im Fahrbetrieb ist das TWIKE innen erstaunlich laut. Hautnah nimmt man Reifenrollgeräusche, Ketten-Klappern, Motor mit Getriebe und den Lüfter des Wandlers wahr. Kaum zu glauben, dass das TWIKE von außen fast unhörbar ist.

Bedienung

Der Einstieg erfordert etwas Beweglichkeit, da man nicht auf die Bodenplatte treten darf (die ist auch nur dünner Kunststoff). Der Computer startet auf Knopfdruck, nach ein paar Sekunden gibt man den (selbst wählbaren) Code ein - der ist die eigentliche Wegfahrsperre. Lenkhebelschloss und Schloss für das Dach verwende ich praktisch nicht. Wer einbrechen will, knöpft einfach das Cabrioverdeck auf - ohne elektrische Unterstützung lostreten geht bei 300 kg auch nicht so leicht.

Der linke Hebel dient als Handbremse: zum Aussteigen klappt man ihn nach vorne (dann wird gebremst), beim losfahren holt man ihn wieder in Reichweite und ist fahrbereit.

Der Joystick in der Mitte dient zum Lenken, Blinken und für die elektrische Steuerung. Dafür gibt es zwei zweistufige Knöpfe. Der obere beschleunigt und der untere rekuperiert. Beide fungieren durch einen kurzen Impuls auch als Tempomaten - der obere wie gewohnt, um ein Tempo zu halten (funktioniert aber auch bei 1km/h noch), der untere hält durch Rekuperation beim Bergabfahren ein Höchsttempo ein.
Die Betriebsbremse ist als Rücktrittbremse ausgeführt und wirkt auf alle drei Räder.

Den Blinker bedient der rechte Daumen (es ist ein Schalter, der nicht selbst zurückstellt), Fernlicht, Scheibenwischer und Hupe der linke Daumen. Übrigens stellt auch der Scheibenwischer nicht automatisch auf seine Mittelstellung zurück.
Auf dem Bedienpanel des Bordcomputers sind noch Schalter für Licht, Nebelschlussleuchte, Warnblinkanlage und Scheibenheizung. Dazu eine Geschwindigkeitsanzeige und diverse Kontrolleuchten.

Die Beleuchtungsanlage ist bei meinem Twike komplett in LED ausgeführt. Fahrlicht, Fernlicht, alle Rückleuchten, Kennzeichenbeleuchtung und Innenbeleuchtung.



Die Pedale lasssen sich zuschalten und wirken direkt auf die Antriebsachse. Damit gibt es keine Umwandlungsverluste. Es scheint jedoch einige Reibungsverluste in diversen Freiläufen zu geben - Fahrer und Beifahrer können unabhängig voneinander treten, allerdings immer mit der vom Fahrer gewählten Übersetzung. Bis ca. 60km/h ist Treten kein Problem, darüber müsste man die Übersetzung verlängern.
Zum Laden zieht man hinter dem Fahrersitz einen Schukostecker aus der Dose und steckt ihn in eine normale Steckdose. Dann beginnt die Normalladung (standardmäßig mit 8A bis auf 390V) oder mit einem zussätzlichen Knopfdruck die Volladung (mit 16A auf 403V). Die Dauer der Ladung hängt von der Akkugröße ab und ist bei mir nach ca. 2-3 Stunden abgeschlossen. Am Ende wieder umstecken und weiterfahren.

Verbrauch

Ich versuche mich normalerweise nicht in extremen Sparfahrten. Im Allgemeinen möchte ich die anderen Verkehrsteilnehmer nicht unnötig ausbremsen. D.h. zügige Beschleunigung, fahren mit der erlaubten (bzw. erreichbaren) Höchstgeschwindigkeit, kein exzessives Ausrollen lassen.
Auf der Uhr stehen jetzt ca. 0,18Ah/km. Bei einer Nennspannung von 353 V ergibt das einen Schnitt von ca. 6,5kWh/100km.
Umgerechnet sind das ca. 0,65l/100km - ich bin zufrieden. Die PV-Anlage auf dem Dach liefert deutlich mehr als ich fahren kann.
Die Reichweite mit dem 22.4 Ah Li-Ion-Mangan-Akku (Nennspannung 353 V) liegt bei meiner Fahrweise zwischen 110 und 150 km. Am oberen Ende der Reichweite sollte dann die Höchstgeschwindigkeit unter 60 km/h liegen. Zwischenladungen (auch Teilladungen) sind jederzeit möglich und schaden den Akkus nicht.

Fazit

+
Absolut sparsames, handliches, kleines, unübersehbares Fahrzeug  - dennoch Platz für Zwei plus Gepäck
Der Sportfaktor ist ein echtes Plus.

-
Verzicht auf gewohnten Komfort. Preis.

Mir macht das TWIKE viel Spaß. Seit es bei uns im Carport steht, habe ich den Prius nur mehr selten bewegt.

20. Mai 2015

10000 km mit dem TWIKE

Nach gut 8 Monaten ist die 10000 Kilometermarke geknackt. Zeit für eine kleine Zusammenfassung:

Seit seiner Inbetriebnahme ist das TWIKE eigentlich mein Hauptfahrzeug geworden. Nur in seltenen Fällen kommt noch der Prius an die Reihe. Z.B. bei mehr als 2 Personen im Auto oder bei Langstrecke mit zu wenig Zeitpolster zum Laden.

Für Alltagszwecke ist es wunderbar geeignet. Der Weg zur Arbeit, Einkaufsfahrten (durchaus auch Großeinkäufe im Supermarkt - eine Waschmaschine würde ich nicht einladen wollen), Taxidienste für Familienmítglieder - alles kein Problem.

Ein paar Erkenntnisse, die ich beim ersten Erahrungsbericht noch nicht wusste:

Winterbetrieb

Vom fahrtechnischen her ist das TWIKE erstaunlich gut für den Winter geeignet. Die dünnen Reifen finden praktisch immer Halt, die zarte Motorleistung unterbindet ihrerseits das Durchdrehen der Antriebsräder. Anfahren auf Schneefahrbahn am Berg funktioniert genauso problemlos wie im Trockenen. An einer Garagenauffahrt bin ich vorübergehend gescheitert, weil das TWIKE im Rückwärtsgang als Schneepflug im tiefen Schnee dann doch stecken blieb. Nach dem Griff zur Schneeschaufel, um den Tiefschnee zu beseitigen war alles wieder in Ordnung.
Beim Bergabfahren kann man mit dem 'Bremsomat' (der Tempomat hält eine Maximalgeschwindigkeit nur durch Rekuperation) auf jeder Unterlage angenehm fahren. Auch Bremsen per Rekuperation führt immer zu erstaunlich kurzen Bremswegen, ohne zu Rutschen. Bei stehenden Rädern hört ja die elektrische Bremswirkung auf - die Hinterräder drehen immer mit, das vordere Rad wird nicht gebremst und bleibt daher lenkfähig.
ABS gibt es nicht - daran muss man bei Vollbremsungen denken.
Ein Problem ergab sich bald, als es kalt wurde: Wenn man sich durch mittreten warm halten will, läuft ganz schnell die Scheibe an. Für Kurzstrecken kann man diese mit den eingebauten Gebläse recht gut freiblasen, aber für längere Laufzeit ist das Warmluftgebläse nicht ausgelegt. Ich habe mir daher (ganz ohne schlechtes Gewissen) eine Webasto-Diesel-Standheizung einbauen lassen, die sowohl ein angenehm warmes Cockpit lierfert, als auch die Scheibe beschlagsfrei halten kann - dabei hilft dann das Kaltluftgebläse, um die warme Luft auf die Scheibe zu pusten.
Die Heizung verbraucht so fast keinen Strom und weniger als 1/4 Liter Diesel pro Stunde - das halte ich für vertretbar.
Als Nachteil bleibt zu vermerken, dass sowohl Standheizung (weniger) als auch Gebläse (mehr) Lärm machen. Der Verzicht auf jegliche Art von Dämmung ist deutlich hörbar.

Bei starkem Schneefall in der Nacht musste ich einen Nachteil der LED-Scheinwerfer feststellen: Sie werden nicht warm genug, um den Schnee wegzuschmelzen. Regelmäßiges Abwischen war nötig, um ausreichende Sicht wieder herzustellen.

Reparaturen

Für mein Gefühl recht früh ergaben sich ein paar Probleme mit diversen Lagern. Bei 9300 km musste ich das Lenkkopflager und die Radlager tauschen. Beim Lenkkopf scheint die Abnutzung nicht normal zu sein - eine Reparatur auf Garantie wurde beantragt. Die Radlager sind relativ klein dimensioniert, dafür haben sie deutlich bessere Rolleigenschaften als größere Lager. Außerdem kosten sie einzeln weniger als 10 ? pro Stück. Bei meinem Fahrstil und Fahrprofil (in den Bergen gibt es halt viele Kurven) werde ich die Radlager wohl öfter tauschen müssen.
Die Reifen kommen auch langsam ans Ende ihrer offiziellen Lebensdauer. Das wird die nächste Aufgabe sein - Ersatzreifen habe ich schon zu Hause. Mit ca. 30 ? pro Stück ist man dabei.
Ansonsten funktioniert alles wie es soll.

Langstrecken

Meist bleibe ich im Umkreis von 70 km von Zuhause, das regelmäßige Laden an der heimischen Steckdose ist absolut problemlos. Zwei längere Fahrten verlangten nach fremdem Strom: Ein Trip von Tirol nach Vorarlberg von 230 km je Richtung benötigte im Winter bei durchgehender Schneefahrbahn und dementsprechend hohem Stromverbrauch 3 Ladehalte und damit viel Zeit. Eilig darf man es nicht haben - aber dank Heizung im Fahrzeug haben wir die Fahrt sehr genossen.
Die zweite Fahrt führte über 400 km je Richtung in die Steiermark. Dank Ladestellenverzeichnis http://www.goingelectric.de/stromtankstellen/routenplaner/ war das Laden kein Problem. Der Strom war (noch) überall gratis. Für 400 km muss man sich allerdings einen ganzen Tag Zeit nehmen.
Eilige Langstreckenfahrer werden derzeit wohl nur mit dem Tesla glücklich. Für meine gemütlichen Urlaubsfahrten ist auch ein langsameres Fahrzeugwie das TWIKE, das nicht ganz so schnell fahren und laden kann, bestens geeignet.

Fazit

Mir ist klar, dass das TWIKE nicht für 'normale' Menschen geeignet ist. Ich fahre es mit Freude, genieße seine Besonderheiten (Pedale und die überragende Sparsamkeit) und habe den Kauf noch nicht bereut.

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